Schweizerdeutsch erhält den Genitiv

Schweizerdeutsch hatte noch nie einen Genitiv. Besitzverhältnisse zeigt man normalerweise so an:

„I mag am Marco sini tomatasauce“ oder „Das isch dr Denise ihra hund“. Also „Ich mag dem Marco seine Tomatensauce“ oder „Das ist der Denise ihr Hund“ — mangels Genitiv benutzt das Schweizerdeutsche den Dativ.

Die schleichende Verdeutschung wackelt aber an dieser Regel. Heute gehört: „Ich liäbä Andrés artikel“. Üblicherweise wäre es „Ich liäbä am André sini artikel“.

Das geht vielleicht in die gleiche Richtung wie das Abhandenkommen des Artikels, wenn man Namen nennt. Richtig war bisher: „Das isch dr Peter“, „Kunnt d Franka hüt obad au?“ usw. Also „Das ist der Peter“, „Kommt die Franka heute auch“. Im Singular beobachte ich hier noch keine grosse Veränderung, sobald aber mehrere Personen genannt werden, verwenden die Leute oft „Kömmend Franka und Peter hüt au?“ statt bisher korrekt „Kömmend d Franka und dr Peter hüt au?“

Ob die Leute sich das aus dem Hochdeutschen geholt haben oder einfach nur zu faul sind, die Artikel auszusprechen, weiss ich nicht. Es könnte wohl auch aus der Migrantensprache stammen (wie z.B. „gömmer Migros“ statt „gömmer in d Migros“ oder „kumm Bellevue“ statt „kumm an z Bellevue“. Übrigens auch zwei Phänomene, die gestandene Schweizerdeutschsprecher bereits übernehmen.

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